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Fehlende Allokation der Ressourcen

RessourcenStrategy ExecutionTransformation

Montagmorgen, Leitungsmeeting. Die Geschäftsführung präsentiert die strategischen Initiativen für das Jahr: Digitalisierung der Auftragsabwicklung, Aufbau eines zentralen Portfolio-Reportings, Optimierung der Lieferkette. Ambitioniert, durchdacht, vom Aufsichtsrat abgesegnet. Dann die entscheidende Frage: Wer macht das? Stille. Dann der Satz, den ich in fast jedem Mandat höre: „Das machen wir mit den bestehenden Ressourcen.”

Genau hier beginnt das Scheitern.

Auf einen Blick: Strategische Projekte scheitern selten an fehlender Ambition oder falscher Strategie — sie scheitern daran, dass niemand wirklich freigestellt wird. Das Tagesgeschäft hat strukturellen Vorrang, interne Kapazitäten werden systematisch überschätzt, und der ehrliche Satz „Wir haben die Ressourcen dafür nicht” kostet politisch zu viel. Der Hebel liegt nicht in mehr Kontrolle, sondern in konsequenter Reduktion und echter Freistellung.

Strategie als Zusatzbelastung

Strategische Projekte werden in den meisten Organisationen nicht mit dedizierten Ressourcen ausgestattet. Sie kommen on Top. Die Abteilungsleiterin, die bereits 110 Prozent im Tagesgeschäft gebunden ist, soll nebenbei die ERP-Migration steuern. Der Projektleiter, der drei operative Projekte verantwortet, übernimmt zusätzlich den Aufbau des PMO. Die Fachexperten, deren Know-how für die Transformation entscheidend wäre, stecken in Kundenaufträgen, die Umsatz bringen — heute, nicht in 18 Monaten.

Das Ergebnis ist vorhersehbar. Die strategischen Initiativen starten mit Energie, verlieren nach wenigen Wochen an Momentum und versanden nach sechs Monaten in der Warteschleife des Tagesgeschäfts. Nicht weil sie unwichtig wären. Sondern weil sie gegen das Dringende verlieren — jeden Tag aufs Neue.

Warum Organisationen diesen Fehler systematisch machen

Operative Aufgaben haben Deadlines, Kunden, Eskalationswege. Strategische Projekte haben Meilensteine, die niemand einfordert. Wenn der Kunde am Telefon wartet und gleichzeitig das Strategiemeeting ansteht, gewinnt der Kunde. Immer. Nicht weil die Strategie unwichtig ist — sondern weil das Tagesgeschäft Konsequenzen hat, die sofort spürbar sind.

Dazu kommt die Illusion der Verfügbarkeit. „Unsere Leute haben noch Kapazität.” Dieser Satz basiert fast nie auf Daten. Er basiert auf der Annahme, dass Mitarbeiter schon irgendwie Platz schaffen werden. Tun sie auch — aber nicht für die Strategie. Sie schaffen Platz für das nächste operative Problem, das auf dem Schreibtisch landet.

Das dritte Muster ist der politische Preis der ehrlichen Antwort. Zu sagen „Wir haben die Ressourcen dafür nicht” bedeutet, dem Vorstand zu widersprechen. Es bedeutet einzugestehen, dass die Organisation an ihrer Kapazitätsgrenze arbeitet. Es bedeutet, Prioritäten einzufordern — und damit Konflikte auszulösen. Die meisten Führungskräfte wählen den Weg des geringeren Widerstands: zusagen und hoffen.

Was ich aus eigener Erfahrung kenne

Als ich als Director Corporate Project Management in einem Technologiekonzern mit 2,7 Mrd. EUR Umsatz die konzernweite Portfolio-Governance aufbaute, war die Ausgangslage exemplarisch für das Problem: Über 100 parallele Projekte, gesteuert über Excel-Listen in den einzelnen Geschäftsbereichen, jedes mit einem Sponsor — aber keiner davon mit definierter Freistellung. Die Steuerung lief über manuell zusammengestellte Berichte mit hohem Aufwand und geringer Aktualität. Niemand wusste wirklich, welche Projekte tatsächlich Fortschritt machten und welche nur Governance-Kapazität verbrauchten. Die Organisation war nicht unwillig. Sie hatte keine Grundlage.

Der Eingriff war nicht mehr Kontrolle und nicht mehr Reporting, sondern Transparenz: Aufbau einer konzernweiten Portfolio-Plattform mit Power-BI-Integration, Vernetzung von sechs PMOs an verschiedenen Standorten, klare Entscheidungs- und Priorisierungsstrukturen auf Management-Ebene. Erst auf dieser Grundlage wurden Ressourcenzuweisungen überhaupt möglich — weil jetzt sichtbar war, was womit konkurrierte. Das Ergebnis nach drei Jahren: 25 Prozent mehr Portfolio-Transparenz, 40 Prozent weniger Reporting-Aufwand, und eine Geschäftsführung, die Portfolio-Entscheidungen erstmals auf Basis belastbarer Daten traf.

Ein anderes Muster kenne ich aus meiner eigenen früheren Berufserfahrung: In meiner Zeit als Projektleiter ERP und Leiter Warenwirtschaft bei einem Maschinenbau-Zulieferer übernahm ich beides in Personalunion — Einkaufsleitung im Tagesgeschäft und Projektleitung für die ERP-Einführung. Das Unternehmen hatte keine Ressourcen für eine Projektorganisation neben dem operativen Betrieb. Die Lösung war, jemanden zu haben, der beide Welten gleichzeitig kannte und steuern konnte. Das funktioniert, wenn eine Person beide Verantwortlichkeiten wirklich trägt. Es funktioniert nicht, wenn man es einer Führungskraft aufbürdet, die das noch nie gemacht hat — und keine Struktur dahinter steht.

Der eigentliche Hebel

Ressourcen-Allokation für strategische Projekte ist kein Planungsthema. Es ist eine Führungsentscheidung. Und sie erfordert drei Dinge, die in Organisationen oft fehlen.

Erstens Ehrlichkeit über die tatsächliche Kapazität. Nicht die theoretische Verfügbarkeit laut Organigramm — die reale Belastung der Menschen, die es betrifft.

Zweitens den Mut zur Reduktion. Weniger Initiativen mit echten Ressourcen schlagen mehr Initiativen ohne Ressourcen. Das ist keine neue Erkenntnis — aber eine, die in der Praxis selten konsequent umgesetzt wird.

Drittens eine Governance, die Ressourcenkonflikte sichtbar macht und löst. Wenn strategisches und operatives Geschäft um dieselben Menschen konkurrieren, braucht es einen Mechanismus, der das transparent macht und Entscheidungen erzwingt — nicht ein Gremium, das zur Kenntnis nimmt.

Was ein Interim Manager hier konkret tut

Als Interim Manager bin ich selbst eine dedizierte Ressource für die strategische Aufgabe. Ich konkurriere nicht mit dem Tagesgeschäft um meine eigene Zeit. Und ich bringe die Unabhängigkeit mit, die unbequeme Wahrheit auszusprechen: dass die Strategie mit den bestehenden Ressourcen nicht umsetzbar ist. Nicht als Kritik — als Diagnose.

  • Reale Kapazitätsanalyse: Wie ist die tatsächliche Auslastung der Schlüsselpersonen — nicht die theoretische?
  • Portfolio-Reduktion moderieren: Welche Initiativen bekommen echte Ressourcen, welche werden gestoppt?
  • Freistellungsregelungen definieren und durchsetzen: wer, wie viel, mit welchen Konsequenzen für das Tagesgeschäft
  • Ressourcenkonflikte zwischen strategischem und operativem Geschäft explizit machen und eskalieren
  • Selbst operative Verantwortung übernehmen, wenn interne Kapazitäten strukturell fehlen

Wenn Sie gerade erleben, dass strategische Projekte immer wieder hinter dem Tagesgeschäft zurückfallen — dann liegt das Problem selten an der Strategie oder an den Menschen. Es liegt an der Allokation. Ein Gespräch darüber, wie sich das konkret lösen lässt, ist oft der erste Schritt. Kein Angebot, keine Präsentation. Ein ehrlicher Blick auf die Ressourcenrealität.

Quellenverzeichnis


Häufige Fragen

Warum scheitern strategische Projekte so häufig an Ressourcen, obwohl sie vom Vorstand priorisiert wurden?

Weil Priorisierung durch den Vorstand nicht automatisch in Freistellung übersetzt wird. Der Vorstand entscheidet, was wichtig ist — aber nicht wer konkret welche Stunden investiert. Diese Übersetzung bleibt den mittleren Führungsebenen überlassen, die gleichzeitig für das Tagesgeschäft verantwortlich sind. Ohne explizite Regelung gewinnt das Dringende über das Wichtige — jeden Tag aufs Neue.

Wie viele parallele strategische Initiativen kann eine Organisation wirklich tragen?

Das hängt von der Unternehmensgröße und der verfügbaren Kapazität ab, aber als Faustformel gilt: weniger als man plant. In meinen Mandaten erlebe ich regelmäßig, dass die tatsächliche Tragfähigkeit bei 30 bis 50 Prozent der geplanten Initiativenzahl liegt. Der Rest läuft auf dem Papier — ohne echten Fortschritt und mit erheblichen Opportunitätskosten, weil er Aufmerksamkeit und Governance-Kapazität bindet.

Was bedeutet „echte Freistellung” für strategische Projekte?

Echte Freistellung bedeutet, dass eine Person einen definierten Anteil ihrer Arbeitszeit — typischerweise 20 bis 50 Prozent — für das strategische Projekt reserviert, dieser Anteil nicht durch operative Eskalationen überschrieben wird und die operative Lücke explizit adressiert ist. Wenn die Freistellung nicht mit einer Regelung für das Tagesgeschäft verknüpft ist, ist sie de facto keine Freistellung — sondern eine zusätzliche Belastung.

Wie erkenne ich, ob mein Portfolio zu groß ist?

Ein Portfolio ist zu groß, wenn mehr als ein Drittel der Initiativen „in Bearbeitung” sind, ohne dass in den letzten vier Wochen ein messbarer Fortschritt stattgefunden hat. Wenn Meilensteinverschiebungen zur Normalität geworden sind. Wenn die Führungskräfte, die Sponsor-Rolle übernehmen, selbst nicht mehr wissen, was in „ihren” Projekten passiert. Diese Signale sind keine Management-Versagen — sie sind strukturelle Anzeichen für ein überladenes System.